Igor

Es geht weiter mit dem Artikel von Moritz Gathmann und Maxim Kireev in Niggemeiers Übermedien. Insbesondere Gathmann stellt sich stets als seriös recherchierender, neutraler Journalist dar. Und das eher als Kreml-Kritiker. Mehr oder weniger subtil bringt er dann aber seine Meinung unter die Leute. Und die ist offensichtlich pro-Kreml.

Beispiel: Russische Propaganda im Westen leugnet er nicht – aber er hält sie für „Viel Lärm um nichts“, untermauert mit den Aussagen seiner Interview-Partner: „Ihr realer Einfluss auf wichtige Vorgänge in Land und Gesellschaft ist marginal.“ Das sagt der litauische Journalist Vytautas Bruveris, und der russische „Fake-Spezialist“ Alexej Kowaljow wiederholt es. Wie wäre es dagegen mit einer Aussage von Schoygu: „Russland hat eine neue Gattung in seinem Militär geschaffen: Die „Streitkräfte für Informations-Operationen“, also eine Cyber-Truppe. Sie sei „viel effektiver und stärker als alles, was wir früher in dieser Richtung geschaffen haben“, so Verteidigungsminister Sergej Schojgu vor der Duma: „Propaganda muss klug, felherfrei und effektiv sein.““ (bei Boris Reitschuster)

 

Auch der Artikel zum ZDF-zoom-Beitrag „Putins Kalter Krieg“ ist äußerst tendenziös, im Gewande seriöser Recherche. Ich selbst bin Blogger und kein Journalist, und offensichtlich ist mein Blog polemisch und einseitig. Das liegt in seinem Wesen.
Aber Gathmann und Kireev wollen seriösen Journalismus abliefern. Das tun sie nicht. Sie wollen den Inhalt dieses Putin entlarvenden Beitrags diskreditieren.

Ob sie den Teil mit der Enthüllung der Identität „Igors“ von Sergey Kanev (Sergej Kanjew) übernommen haben oder nicht, kann ich nicht eindeutig klären. Dafür spricht außer den in meinem letzten Artikel genannten Hinweisen, dass Kanev bestätigt, mit Gathmann gesprochen zu haben und ihm den Kontakt zu Samarskiys Sohn vermittelt zu haben. Inwieweit Kanev selbst vertrauenswürdig ist, der nach eigenen Angaben seit 2010 zu Samarskiy recherchiert (und ihn deswegen auch erkennen konnte), bleibt dahingestellt. Keinen guten Eindruck macht jedenfalls, dass Kanev behauptet, Koch habe auf seine Anfrage, wo der Film gedreht worden sei und wie er mit dem unsichtbaren Tschekisten in Kontakt gekommen sei, nicht geantwortet:

Я написал режиссеру фильма Эгмонту Коху, но он не ответил на вопросы, где снималось кино и как на него вышел Чекист-невидимка.

Koch: „ich habe von Herrn Kanev niemals eine mail oder einen Anruf erhalten!“

Zurück zur Frage, ob Kireev /Gathmann im „Igor“-Teil nur Kanevs Artikel verwurstet haben. Der zoom-Beitrag wurde am 8. Februar gesendet. Kanev hat seinen Bericht am 13. Februar um 05:18 auf twitter veröffentlicht.

Am Abend des 13. weist Kireev auf FB auf Kanevs Artikel hin, und dass der ihnen leider mit seiner Recherche zuvorgekommen sie (sie hätten parallel recherchiert – Zufälle gibt’s) und morgen ihren Artikel bringen würden (der dann auch am 14. Februar erscheint).

Am 14. Februar „sehr früh morgens“ bekam Egmont R. Koch einen Anruf von Gathmann,

in dem er mich um eine Stellungnahme dazu bat, dass Igors Identität inzwischen aufgeflogen sei. Das habe ich aus Gründen des Quellenschutzes abgelehnt. Über die einzelnen Vorwürfe in seinem Artikel unterrichtete er mich mit keinem Wort, ich konnte da also auch nichts gerade rücken.

Die Autoren hätten also 1 Tag und 1 Nacht Zeit gehabt, um Kanevs Artikel zu verarbeiten, Samarskiys Sohn und kurz vor Veröffentlichung auch noch schnell Koch anzurufen.

Aber nicht nur Fragen zu Igor führen die Autoren ins Feld. Das „Verkämpfen“ des ZDF gegen Putin machen die beiden Journalisten an vier Dingen fest:

  1. „Igor“ aka Oberst Petr Samarskiy unglaubwürdig machen
  2. Felshtinsky herabsetzen
  3. Den Autor Egmont R. Koch unglaubwürdig machen
  4. Süffisante Sprache

1. Igor demontieren

Was treibt das ZDF an, schon wieder so zu holzen

Da war doch schon einmal ein „Igor“, der fake war, wie die Herren Gathmann /Kireev behaupten. Abgesehen davon, dass bei dem ZDF-Beitrag „Machtmensch Putin“ (Dez. 2016) noch lange nicht klar ist, ob und wenn ja, von wem der mit „Igor“ verschlüsselte Yuriy Labyskin gefaked bzw. untergeschoben war – der FSB war in jedem Fall beteiligt und das ZDF hat naiv gehandelt – versuchen die Autoren, auch diesen „Igor“ als Fake hinzustellen, hoffend, dass der schnelle Leser Igor = Igor = Fake kombiniert.

Die Hauptvorwürfe Kireevs /Gathmanns bezgl. „Igor“ bestehen darin, dass er nicht zu den 50 obersten Geheimdienstlern Russlands gehöre und dass er schon seit 2008 nicht mehr für den FSB arbeite. Ob Koch den Oberst, wenn er schon den Namen hatte, nicht recherchiert hätte. Gathmann kommentiert in FB immer noch, dass er gerne eine Antwort von Koch hätte, zB :

Sehr gerne hätte man Antworten von Egmont R. Koch. · 17. Februar um 15:51

Koch hat natürlich recherchiert. Sagt er auch öffentlich, zB unter dem ZDF-zoom-Beitrag. Aber die Masche zieht – Koch als unprofessionell hinzustellen.

*** Update  Gathmann hat mittlerweile (22. Feb) seine Antworten vom ZDF bekommen. seine Hauptargumente wären damit widerlegt. Wo sind denn die Beweise, dass man „durch einfache Recherche“ herausbekommen könne, dass es nicht stimme, dass Samarskiy auch in Moskau gearbeitet habe? Die grundsätzlichen Aussagen bleiben jedenfalls unberührt. ***

Egmont R. Koch zu den Vorwürfen:

Hat er seine Bedeutung übertrieben? (Top 50). Um seine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen, schickte Igor mir das Gruppenfoto von einer Tagung, auf dem er selbst in der obersten Reihe zu sehen ist. Unten sitzen die Generäle des FSB, darunter u.a. sein direkter Vorgesetzter Belousov, dessen Chef Alexey Sedov und sogar der damalige russische Innenminister Raschid Nurgaliev. Wo auch immer dieses Foto aufgenommen wurde, es illustriert, dass Igor in diesen Kreisen verkehrte. Seine Abteilung „Bekämpfung Extremismus und Terrorismus“ in Wolgograd spielte und spielt wegen der Nähe zur Kaukasus-Region eine herausragende Rolle, dementsprechend bedeutend war auch seine Abteilung im FSB. Bei unserem Gespräch über das Foto fragte ich ihn, ob er also zu den Top 50 gehört habe (weil auf dem Foto 49 Personen zu sehen sind). Er hat dies dann bestätigt. Mag sein, dass er da etwas aufgeschnitten hat, aber er war bedeutend genug im FSB, um vor allem über die Schleusung von Tschetschenen nach Europa etwas wissen und erzählen zu können. Dies ist übrigens der zentrale Punkt meines Filmes.

Diesen zentralen Punkt, dessen Aussage auch nicht angetastet wird, bestätigen Gathmann/ Kireev sogar. Auch dieser Teil ihres Artikels steht übrigens bei Kanev – wieder ein Indiz mehr für’s Abschreiben.

Koch hat die von Kanev / Kireev / Gathmann präsentierten Fakten aus Gründen der Sicherheit des Informanten nicht erwähnt. Dass nicht zumindest der FSB trotzdem sofort weiß, um wen es sich handelt – zu singulär ist die Geschichte – kann man Koch durchaus als Naivität anlasten. Im haben auch die früheren Artikel über Samarskiy vorgelegen, einige davon von Kanev – und auch da hätte ihm klar sein müssen, dass der Samarskiy sofort erkennt – und das nicht nur am kitel…

Was Samarskiys Ausscheiden aus dem FSB 2008 betrifft, sodass er nach Meinung von  Gathmann/ Kireev „nur über etwas berichten könnte, was fast ein Jahrzehnt zurückliegt“, meint Koch:

Igor hat gleich zu Anfang unserer Treffen ein grundlegende Aussage gemacht: Er werde über Dinge berichten, an denen er beteiligt war oder über die er etwas wisse, weil entsprechende Unterlagen über seinen Schreibtisch gegangen seien; wenn er sich darüber hinaus zu etwas äußere, dann seien das Einschätzungen, Erklärungen und Bewertungen. Genau so habe ich ihn gleich am Anfang des Filmes eingeführt. Wir suchen ja als Journalisten immer gerne Experten, die uns Dinge einordnen. Warum also sollte Igor nicht auch eine Einschätzung zu etwas geben, das nach seiner aktiven Zeit im FSB stattgefunden hatte? Er kennt ja die Mechanismen und Abläufe in diesem gigantischen Geheimdienstapparat besser als jeder Außenstehende.

Außer den oben abgehandelten, vom ZDF bzw Koch schon beantworteten Fragen gibt es noch mehr solcher subtilen Verschiebungen, die Kireev /Gathmann als Lügen bzw unprofessionell hinstellen, zB das mit der Murmansk-Route nach Finnland und Norwegen. Kireev /Gathmann behaupten, im Film  behaupte Igor, „diese Flüchtlinge seien vom FSB angeworben worden.“ Nein, behauptet Igor nicht. Er sagt, ohne Wissen des FSB könne sowas gar nicht stattfinden. Die Herren schreiben nun Koch vor, welche Informantin er hätte fragen müssen (Svetlana Gannushkina). Es kann nur eine geben? Seriöser sind da Berichte, die Fragen stellen. Und nicht schon alles wissen, zB hier.

2. Felshtinsky

Die Schreiber unterstellen Koch, Feltshinsky (wie auch Samarskiy) aufzublasen. Dazu schreiben sie, dass er die „größte Nähe zu amerikanischen Universitäten er mit der Erlangung eines Doktortitels an der Rutgers University vor drei Jahrzehnten“ hatte. Das ist nicht gelogen, denn seine weitere akademische Karriere absolvierte er am Historischen Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau mit der Verteidigung eines weiteren Doktortitels. Dass er also seine akademische Karriere schon vor 3 Jahrzehnten beendet hätte und es deswegen unangemessen sei, ihn vor eine Universität zu stellen, ist schon reichlich – subtil.

Felshtinsky gelangte zu kurzer Berühmtheit, als er zusammen mit dem geflohenen Agenten Alexander Litwinenko 2002 in einem Buch behauptete, hinter den Explosionen von Wohnhäusern in drei russischen Städten 1999 stehe der FSB selbst. Diese Theorie gilt mangels Beweisen bis heute als Verschwörungstheorie. Die offizielle Version lautet, dass die Attentate von tschetschenischen Terroristen begangen wurden.

„offizielle Version“, ja genau, ihr haltet euch also an Putins Sprachgebrauch. Die Theorie gilt keineswegs als Verschwörungstheorie, wie ein Blick, am besten in die englische, wikipedia zeigt: ellenlange Kontroversen. Speziell der verhinderte Anschlag von Ryazan ist so offensichtlich FSB, dass daran eigentlich nur noch wenige zweifeln. Neuere Erkenntnisse, die die Verstrickung des FSB nahelegen, zB hier (Dunlop) und hier (Satter).

3. Die Glaubwürdigkeit des Autors Egmont R. Koch

Außer der angeblichen Unprofessionalität, was die Identität des Spions angeht, soll Koch auch noch „in dilettantischer Manier“ auf die Orte der Treffen und wahrscheinlichen Aufenthaltsort von Samarskiy hingewiesen haben, „die man von einem Dokumentarfilmer mit vier Jahrzehnten Erfahrung auf dem Buckel nicht erwarten würde“. Eine Wasserflasche mit ukrainischem Ettikett stehe auf dem Tisch. Das kann viele Gründe haben…

Und dann die Unterstellung, Koch habe Samarskiy nicht recherchiert. Das ist lächerlich. Das ist das erste, was man macht und wurde natürlich auch von koch durchgeführt.

Das mit dem 1. Tschetschenischen Krieg, den Koch fälschlicherweise als für die Tschetschenen verloren gab, als „haarsträubenden handwerklichen Fehler“ ist übertrieben. Das ZDF hat den Fehler auch zugegeben und korrigiert. So what? Betrifft das die inhaltliche Aussage? Nur insofern, als eben Koch demontiert werden soll.

4. Süffisante Sprache

nervöse Streicherklänge, Husarenritt, verschwörerisch, holzen, – ich komm mir vor wie Deutsch, 11. Klasse, Textanalyse 😀

Fazit:

Tschetschenische Spione in Deutschland sind eine Tatsache (s. Dugazaev). Auf diese Kernaussage des Films gehen Gathmann /Kireev mit keinem Wort ein.

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